Die Quintessenz des Schmerzes

Es ist Sonntagabend. Nach einem scheinbar ruhigen Wochenende ist sie wieder da: die Lust zu Schreiben, der Drang Erlebtes in Worte zu fassen, damit es nicht entwischt, die Zeit unverändert übersteht, ohne dem Wohlwollen und der Willkür des Gedächtnisses ausgesetzt zu sein.


Das Gedächtnis hat so seine Tücken, besonders meins … Immer wieder muss ich feststellen, dass Fakten, Ereignisse und Emotionen sich meinem Gedächtnis entziehen. Es ist, als wäre mein Verdrängungsdrang so gross, dass vieles ungefiltert verblasst. Anfangs war ich noch überzeugt, es sei ein Segen, sich an manches einfach nicht mehr zu erinnern. Doch ich stelle immer öfter fest, dass ich keinen Zugriff mehr auf völlig neutrale und sogar positive Erlebnisse habe. Dazu kommt, dass negativ erlebte Situationen seelische und energetische Spuren hinterlassen, die leichter aufgearbeitet werden, wenn sie bewusst aufgerufen werden können. Sei es drum, derzeit sehe ich keine Möglichkeit, es zu ändern.


Zurück zum Wochenende, allem äusseren Anschein nach ruhig und ereignislos, soweit die Fassade. Dahinter tobt es, die Emotionen fegen nur so über mich hinweg, sprengen mein Herz, schnüren mir den Hals zu und graben sich bis tief in meine Eingeweide, dabei lasse ich mir in meinem Umfeld nichts anmerken. Bei aller spiritueller Praxis, bei allem Wissen über Ego, Illusion und Meditation, ich will es nicht beobachten und ziehen lassen. Ich will mich davon überrollen lassen, denn ich fühle mich gerade unwahrscheinlich lebendig. Es besteht nicht die geringste Lust, es zu kanalisieren. Im Gegenteil, ich möchte, dass es mich durchdringt, dass es meine Seele schleift, bis es den Diamanten in meinem tiefsten Innersten zum Funkeln bringt. Gewiss, es ist Schmerz. Aber es ist nicht der Schmerz, der einen zu Boden wirft. Es ist vielmehr ein Schmerz, der einen kataklysmusartig transformiert.

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Ich durfte in den letzten Monaten lernen, dass Schmerz nicht unbedingt etwas ist, das man schnellstens beseitigen und abstellen muss. In Jahren der spirituellen Suche und der Selbstoptimierung durch persönliche Entwicklung, bin ich Schmerz immer wieder ausgewichen. Konnte ich es nicht, suchte ich stets den schellsten Weg ihn zu anästhesieren oder zu verdrängen. Es war für mich unvorstellbar, in den Schmerz einzutauchen, geschweige denn mich ihm hinzugeben, um mich von ihm formen zu lassen.


Einer glücklichen Begegnung, zahlreichen bereichernden Gesprächen über das Leben und seine Herausfordeungen und der intensiven Auseinandersetzung mit einem besonderen Buch habe ich es zu verdanken, dass sich meine Sichtweise ändern durfte und Schmerz nun als integraler Bestandteil des Lebens annehmen kann. Er ist Teil der Lernerfahrung, die sich die Seele für diese Inkarnation ausgesucht hat. Was gibt es also Sinnvolleres, als sich dem demütig hinzugeben, die Lektionen wie eine Quintessenz in sich aufzunehmen und sich dann wieder den Freuden des Lebens zu widmen?

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